Sportbuzzer-Interview mit Sebastian Kirschner

Mit freundlicher Genehmigung durch Britt Schlehahn und LVZ-Sportbuzzer

Sebastian Kirschner ist beim Fanprojekt Leipzig seit 2013 für die BSG Chemie zuständig. Im Gespräch mit dem SPORTBUZZER erzählt er über seine Aufgaben im Ligaalltag, die manchmal schwierige „Übersetzerfunktion“, seine Arbeit in Zeiten der Corona-Pandemie und das „Raumschiff Fußball“.

Was macht das Fanprojekt Leipzig eigentlich?

Sebastian Kirschner: Fanprojekte sind nicht, wie viele immer denken, bei den Vereinen angesiedelt sondern unabhängige, mit öffentlichen Mitteln finanzierte Institutionen der Jugendhilfe. Im ganzen Land gibt es mehr als sechzig, in Leipzig „kümmert“ sich das Fanprojekt, das unter der Trägerschaft von Outlaw (Outlaw gemeinnützige Gesellschaft für Kinder- und Jugendhilfe mbH, d. Red.) steht auf ganz unterschiedliche Art und Weise, um die Fanpotentiale der drei großen Vereine RB, Chemie und Lok.

Jeder Verein hat sozialpädagogische Mitarbeiter, die nur für die jeweilige Klientel da sind. Unsere Zielgruppe sind daher vor allem Kinder und Jugendliche. Und um es noch präziser zu machen, in erster Linie junge Leute, die sich der Jugend- und Subkultur der „Ultras“ zuzählen. Ultras kommen ursprünglich aus Italien und sind derzeit eine der größten und vitalsten Jugendkulturen der Welt.

Seit 2013 bin ich für die Chemiefans also „da“ und habe den Weg des Vereins und seine Anhängerschaft von der Bezirksliga bis in die 4. Liga miterlebt. Unser Arbeitsalltag ist extrem vielfältig und dreht sich vor allem darum, jungen Fans, trotz aller Schwierig und -widrigkeiten eine positive Lebensorientierung mitzugeben. Natürlich thematisieren wir auch problematische Entwicklungen in der Fankultur, viel wichtiger und entscheidender sind aber die Momente von Selbst- und Mitbestimmung, gesellschaftlicher Verantwortung und kreativer Mitgestaltung: alles Dinge, die das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Fußballfans ganz zentral ausmachen.

Ein gegenseitiges belastbares Vertrauensverhältnis, die Freiwilligkeit der Interaktion und eine gewisse Intensität der „Zusammenarbeit“ sind dabei ebenso wichtig, wie ein Verständnis von „Jugend“ auf der Höhe der Zeit. Die Schwierigkeiten, die der Lebensabschnitt Jugend mit sich bringt, bearbeiten wir in Einzelfallhilfen und Beratungsangeboten. Tiefgreifende aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln sich natürlich auch in der Fankultur wieder – oftmals sogar viel deutlicher: Fanprojekte unterstützen hier das eh schon große Potential an politischem „Teilhabenwollen“, sie forcieren historische Bildungsarbeit oder flankieren Entwicklungen, die zu Geschlechter- oder Chancengleichheit führen sollen.

Was war bisher Ihr schönstes und schlimmstes Erlebnis bei der BSG?

Schönste Momente sind meistens fußball-immanente Überraschungen: Siege, die man nicht erwartet hätte, besondere Tore, die Glücksgefühle auslösen und natürlich hochemotionale Aufstiege und Pokalspiele. Als Sozialarbeiter ist man da ganz schön nah an der Gefühlswelt der Fans dran. Und trotz professionellem Verhältnis überkommt einen dann doch mal der irrationale Fußballwahnsinn. Ein Gefühl, das ich vorher so nicht kannte. Schlimm ist eigentlich nichts. Man lernt, sich – zumindest in manchen Situationen – ein dickes Fell zuzulegen. Das braucht man auch und ist Bestandteil des Alltags.

Wie ist das Verhältnis zum Verein?

Sehr gut. Das basisdemokratische Verständnis in den Vereinsstrukturen – der Verein wurde ja von seinen Fans mit jeder Menge Herzblut wieder gegründet – spiegelt sich natürlich auch in der Zusammenarbeit wieder. Viele kurze Wege mit dem Fan- und Sicherheitsbeauftragten der BSG, intensive Kommunikation, ein großes Verständnis und eine fundierte Kenntnis über das „Denken und Fühlen“ von Fans: all das kennzeichnet unser Arbeitsverhältnis. Und selbst wenn es mal zu divergierenden Positionen kommt – was recht selten der Fall ist – sind wir in der Lage, diese produktiv und mit Anerkenntnis für die jeweils andere Meinung zu lösen.

Welche Rolle spielt der Fanbeauftragte im normalen Ligaalltag?

Eine vielfältige, würde ich sagen. In erster Linie geht es dabei um präventive Kommunikation. Es gibt an jedem Spieltag viele „Player“ mit teilweise unterschiedlichen, manchmal auch entgegenstehenden Interessen. Natürlich stehen die Fans an erster Stelle, wobei mein vorrangiger Arbeitsauftrag „jungen Fans“, vor allem Ultras und Ultra‘-nahen Gruppen gilt. Dann gibt es den Heim- und Gastverein, die Fan- und Sicherheitsbeauftragten. Also die, die sich innerhalb der Vereinsstrukturen bewegen. Es gibt die Fußballverbände und deren Mitarbeiter, die oftmals ein ganz eigenes Verständnis von der Bewältigung von Fußballspielen haben.

Und es gibt die ordnungs- und sicherheitspolitische Seite: kommunale Ämter, Rettungsdienste, Security und natürliche die verschiedenen polizeilichen Organisationsteile – Bundes- und Landespolizei, das Revier um die Ecke, die szenekundigen Beamten. Deren Blick auf den Fußball unterscheidet sich dahingehend von unserem, dass er natürlich ein ausschließlich sicherheitspolitischer ist. In Sicherheitsbesprechungen, die in der Regel vor jedem Spiel stattfinden, aber auch in vielen bilateralen Gesprächen versuchen Fanprojekte die Perspektive von organisierten Fans zu verdeutlichen. Oftmals üben wir dabei eine Art „Übersetzerfunktion“ aus, wir sind quasi der institutionalisierte Dialog und sensibilisieren die „Erwachseneninstitutionen“ für jugendliches Fan-Sein und deren Bedürfnisse. Das ist meistens herausfordernd, manchmal auch anstrengend, weil die unterschiedlichen „Denksysteme“ oftmals nicht kongruent sind.

Wie hat die Pandemie die Arbeit verändert? Wie sieht der gegenwärtige Arbeitsalltag aus?

Natürlich hat Covid-19 wie alle gesellschaftlichen Bereiche auch den Fußball durcheinander gewirbelt. Soziale Arbeit mit Fußballfans in Zeiten, in denen vermutlich langfristig kein Fußball gespielt, oder zumindest live gesehen wird, das klingt absurd. Zumal der direkte Draht zu den Fans, das vertraute Gespräch oder die intensive Diskussion rund um die Spieltage eben nicht stattfinden können. Auch Fußball-immanente Konflikte sind gerade kaum vorhanden. Und klassisches Streetwork funktioniert im Homeoffice auch nur bedingt: Digitalisierungshype hin oder her. Auch unsere Räumlichkeiten können wir nicht nutzen, physische Distanzierung macht soziale Interaktion insgesamt schwer, auch zwischen den Fans untereinander.

Wir versuchen daher das Beste draus zu machen und bleiben eigentlich bei unseren Kernthemen: Kommunikation ist zentral und wird mit Abstand oder eben digital geführt. Den erhöhten Beratungsbedarf z.B. zur individuellen Existenzsicherung merken wir natürlich. Und selbstverständlich tauschen wir uns zur „Lage der Welt“ aus, teilen die Sorgen und fragen uns gemeinsam, wie und wann so etwas wie „Normalität“ wieder stattfinden kann. In den Fanszenen existiert ein sehr feines Gespür, wenn es um die Einschränkung von bürgerlichen Freiheiten und Grundrechten geht. Umso interessanter und emanzipierter ist zum Beispiel der Forderung der Ultras von Chemie zu bewerten, angesichts der Pandemie und der damit verbundenen sozialen Verantwortung den Spielbetrieb auszusetzen – und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Verbände sich noch fest an den Spielbetrieb klammerten.

Aktuell organisiert ein großes und stadtübergreifendes Netzwerk rund um die chemische Fanhilfe Unterstützungsangebote wie Einkauf, Kinderbetreuung und Alltagshilfe für Menschen mit Bedarf. Das ist beeindruckend und freut uns natürlich. Wir brauchen da Dank der guten Selbstorganisation gar nicht viel machen und vermitteln maximal den Kontakt zum Gesundheitsamt oder zu professionellen Selbsthilfeorganisationen.

Welche Wünsche gibt es für die Zukunft?

Definitiv spielt Fußball gerade eine untergeordnete Rolle, und das ist auch gut so. Meine beruflichen Wünsche daher in Worte zu fassen fällt mir angesichts der aktuellen Unübersichtlichkeit schwer. Irgendwann wäre eine Rückkehr zum Fußball mit Zuschauern natürlich schön und wichtig fürs Gemüt. Fankultur wird nach Corona sicher nicht mehr so sein wie zuvor. Im Moment zählt aber definitiv etwas anderes. Spannend empfinde ich die Debatte, die sich aktuell um das „Raumschiff Fußball“ in Zeiten der Pandemie dreht – Stichwort eigene Privilegien, ökonomische Selbstreflektion oder gesellschaftliche Solidarität. Hier haben beispielweise die meisten Ultras gegenüber dem Gros an Fußball-Funktionsträgern einen moralischen Vorsprung, der sich kaum bemessen lässt. Interessant, wer sich am Ende durchsetzt.

Corona Update 2

Heute ist die „Sächsische Corona-Schutz-Verordnung“ in Kraft getreten, die die bisher geltende Allgemeinverfügung zu den Ausgangsbeschränkungen vom 22. März 2020 ablöst und nun erstmal bis zum 20. April gültig ist. Zusätzlich zu den leicht veränderten Ausgangsbeschränkungen hat Sachsen jetzt außerdem einen Bußgeldkatalog erlassen.
Im Bußgeldkatalog ist festgelegt, welche Strafe es für welchen Verstoß gegen die Ausgangsbeschränkung gibt.

Folgende Bußgelder können bei Verstößen gegen die neue Verordnung geltend gemacht werden:

– Verlassen der Wohnung/des Hauses ohne triftigen Grund: 150 €

– Verstoß gegen Besuchsverbot von Krankenhaus oder Pflegeheim: 500 €
(Betrifft die Besucher)

– Besucher in ein Krankenhaus oder Pflegeheim hereinlassen: 500 bis 1000 € (Betrifft die Verantwortlichen)

Außerdem kann die Polizei ab 01. April Verwarnungsgelder in Höhe von bis zu 55 € aussprechen.
Sobald es wieder neue Infos gibt, halten wir euch auf dem Laufenden.

Wir sind außerdem nach wie vor für euch erreichbar! Falls ihr Fragen oder Sorgen habt oder ihr Unterstützung bei einem der neuen Existenzsicherungsprogramme wie beispielsweise den Bundes-Soforthilfen für Soloselbständige, kleine Unternehmen, Freiberufler und Landwirte benötigt, ruft an oder schreibt uns!

Bleibt gesund, informiert euch und passt auf euch und andere auf!

Corona Update 1

Was gerade passiert, wäre vor wenigen Wochen noch kaum denkbar gewesen: steigende Infektionszahlen und Todesfälle, massive Eingriffe in unsere Bewegungsfreiheit, abesagte Fußballspiele und damit verbundene individuelle wie gesellschaftliche Befürchtungen – das alles stellt uns im Moment und wahrscheinlich auch in nächster Zeit vor noch nie da gewesene Herausforderungen.

Gleichzeitig macht Hoffnung, dass sich Zusammenhalt und Rücksichtnahme trotz aller Widrigkeiten durch weite Teile der Gesellschaft ziehen. Auch die in letzter Zeit arg gescholtenen Fanszenen haben schon recht früh angefangen, Unterstützung und Hilfe anzubieten und zeigen, welch großartiges Potenzial in ihnen steckt. Mehr dazu unter findet hier!

Im Moment geht es vorrangig darum, dass vor allem Menschen, die besonders durch das Virus gefährdet sind, die Krise unbeschadet überstehen und das Gesundheitssystem nicht an den Rand der Überlastung gebracht wird.

Nehmt deswegen bitte Rücksicht auf eure Gesundheit und die der anderen! Helft euch gegenseitig und denen, die auf Hilfe angewiesen sind! Beachtet die empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen der Behörden! Informiert euch zu den aktuellen Entwicklungen in Leipzig! Und auch wenn es euch schwer fällt: haltet euch an die Ausgangsbeschränkung, die seit heute in Kraft ist!

Auch wir als Team stimmen uns regelmäßig untereinander ab. Wir stehen in engem Austausch mit unserem Träger und beraten, wie wir mit der Situation umgehen, wo wir helfen können und sollen.

In jedem Falle werden wir in den nächsten Tagen und Wochen von Montag bis Freitag für alle Leipziger Fußballfans über Handy, die üblichen Messengerdienste oder E-Mail erreichbar sein.

Egal, ob ihr konkreten Beratungsbedarf in Sachen finanzieller Grundabsicherung, ALG oder Selbstständigenförderung habt, Ideen für die Zeit nach der Krise spinnen wollt oder ihr einfach nur jemandem zum Reden braucht, weil euch zuhause die Decke auf den Kopf fällt – meldet euch! Die jeweiligen Ansprechpartner*innen findet ihr hier.

Fanprojekt eingeschränkt erreichbar!

Aufgrund der aktuellen Situation rund um Corona haben wir uns entschieden, alle Angebote bis auf weiteres einzustellen. Auch unsere Geschäftsstelle in der Käthe-Kollwitz-Straße wird nur sporadisch besetzt sein.

Wir sind natürlich weiterhin per Email und über Handy jederzeit erreichbar. Die Adressen und Nummern sind unter dem Menüpunkt „Team“ zu finden. Auch für eventuelle Einzelfallberatungen werden wir eine Lösung finden.

Bleibt alle solidarisch, gesund und besonnen!

Infos zum Infektionsschutz unter https://www.infektionsschutz.de/coronavirus-sars-cov-2.html

Ausgezeichnete Fansozialarbeit in Leipzig: Fußball-Fanprojekt Leipzig erhält Qualitätssiegel

Im Rahmen der Beiratssitzung am 16. Dezember 2019 erhielt das Leipziger Fanprojekt in Trägerschaft der Outlaw gGmbH erneut das Qualitätssiegel „Fanprojekt nach dem Nationalen Konzept Sport und Sicherheit“ (NKSS). Die Arbeit des Fanprojektes wurde fachkundig durch die AG Qualitätssicherung überprüft und ausgewertet – darunter die Fachlichkeit des Teams, die Zusammenarbeit mit der Fanszene oder die Netzwerkarbeit. Nach Abschluss der Evalution stand fest: Die Rahmenbedingungen für gute Fansozialarbeit in Leipzig sind gewährleistet.

Das Siegel überreichte Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), erläuterte die Ergebnisse der Leipziger Evaluation und wies dabei auf die Wichtigkeit der Fanprojekte für Jugendliche und junge Erwachsene, aber auch für die Stadtgesellschaft hin.

Fanprojektarbeit ist ein komplexes und vielschichtiges Arbeitsfeld. Dabei ist die Begleitung von Heim- und Auswärtsspielen und die Vermittlung zwischen den am Spieltag beteiligten Institutionen nur eine Aufgabe. Vielmehr geht es in der alltäglichen Arbeit der bundesweit mittlerweile 63 sozialpädagogischen Fanprojekte vor allem darum, jugendliche Fans bei ihrem nicht immer konfliktfreien Weg ins Erwachsenwerden zu begleiten und zu unterstützen.

Diese Arbeit wird regelmäßig durch die AG Qualitätssicherung, einem Gremium, in dem Vertreter*innen der Obersten Landesjugend- und Familienbehörden, der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte, des Deutschen Fußball-Bundes und der Deutschen Fußball Liga, der Deutschen Sportjugend, der Koordinationsstelle Fanprojekte sowie der Leibniz Universität Hannover sitzen, überprüft und bewertet.

Für die Abfrage und Auswertung der für die Siegelvergabe relevanten Kriterien ist das unabhängige Evaluierungsinstitut CEval verantwortlich. Im Mittelpunkt der Evaluation stehen etwa die Fachlichkeit des jeweiligen Teams, die finanzielle wie sachliche Ausstattung, die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Fanszenen sowie die Belastbarkeit des Netzwerkes, das neben den Bezugsvereinen Sicherheits- und Jugendhilfeinstitutionen der Stadt mit einschließt.

Steffen Kröner, Regionaler Geschäftsführer der Outlaw gGmbH, betrachtete die Arbeit des Leipziger Teams aus Trägerperspektive und sprach den Mitarbeiter*innen seinen Dank für die geleistete Arbeit aus.

Prof. Dr. Thomas Fabian, Beigeordneter für Jugend, Soziales, Gesundheit und Schule der Stadt Leipzig sowie Beiratsvorsitzender, würdigte die Arbeit des Leipziger Fanprojektes als wichtige und anerkannte Institution innerhalb der Leipziger Jugendhilfelandschaft.

Frank Gurke als Vertreter der Polizeidirektion Leipzig und Mitglied des Beirats betonte in seiner Rede die Vermittlungsqualitäten des Fanprojektes.

Das Qualitätssiegel „Fanprojekt nach dem Nationalen Konzept Sport und Sicherheit“ wurde 2010 eingeführt und 2012 im NKSS verankert. Es ist für drei Jahre gültig.

Weitere Informationen zum Qualitätssiegel finden Sie hier.

Beiratsvorsitzender Prof. Dr. Thomas Fabian, Fanprojektleiter Christian Kohn, Outlaw-Regionalschäftsführer Steffen Kröner und Michael Gabriel von der KOS (v.l.n.r.)

„Frauen sind in den Kurven viel präsenter als man denkt!“

Eine kleine Nachbetrachtung der „Fan.tastic Females“ Ausstellung in Leipzig

Vom 14.-25. Januar fand im Hörsaalgebäude der Uni Leipzig, die vom Fanprojekt, der Gruppe Fem_powermentund verschiedenen lokalen Faninitiativen nach Leipzig eingeladene Wanderausstellung „Fan.tastic Females“ statt.

Auf fast 50 Ausstellungstafeln mit über 80 Minivideos zum Streamen konnten ganz verschiedenen Facetten weiblicher Fankultur – von der fast 90-jährigen Allesfahrerin über Frauen in Vereinsgremien bis hin zu weiblichen Ultras – bestaunt werden. Ganz unterschiedliche Fanbiographien aus 21 Ländern gaben in beeindruckender Art und Weise Auskunft darüber, dass die Geschichtsschreibung im Fußball schon lange nicht mehr nur von Männern dominiert wird. Im Gegenteil, die Zeiten, in denen Frauenmit ihrer Präsenz fast automatisch eine Sonderrolle und Minderheitenposition inne hatten, scheinen an vielen Orten und Stadien vorbei. Über 1000 Menschen besuchten in den knapp 10 Tagen die Ausstellung in der Uni.

Mit einem umfangreichen Rahmenprogramm wurden darüber hinaus verschiedene Aspekte der Fankultur aus einem weiblichen, feministischen und oftmals kritischen Blickwinkel betrachtet. Themenbeiträge, Diskussionsveranstaltungen, Vorträge und Workshops zu einzelnen Schwerpunkten sollten bestimmte Problemlagen vertiefen. Was sind klassische, was moderne Geschlechterrollen im Fußball? Wie funktioniert Männlichkeit? Welche Rolle spielt dabei Gewalt in den Stadien? Die Ausstellungs-Kuratorin Antje Grabenhorststellte in ihrem Eröffnungs-Panel „On a Journay“ nicht nur fantastische Frauen-Portraits vor, sondern erklärte auch, wie sinnvoll Selbstorganisation und der Aufbau von Netzwerken ist. In dem Podium „Perle aus dem Block – weibliche Ultras zwischen Anpassung und Rebellion“ ging es um die Widerstände, die Frauen und Mädchen in der Ultra‘ Szene begegnen. Der Journalist und Soziologe Simon Volpersversuchte bei seinem Vortrag „Wo Männer gemacht werden“ aus einer geschlechtersoziologischen Perspektive die Jugendkultur der Ultras, ihre Stereotype und ihre Entwicklungschancen zu beleuchten.

Bei aller Kontroverse und inhaltlichen Auseinandersetzung war der Tenor bei allen Veranstaltungen stets optimistisch und positiv, die bisweilen theoretische Sperrigkeit des Themas konnte durch viele leicht verständliche und gut illustrierte Beispiele plastisch gemacht werden. „Fan.tastic Females“ hat mehr als bereichert: sowohl die Ausstellung als auch verschiedenen inhaltliche Begleitformate jenseits der Ausstellung haben weibliche Fankultur in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen.

Vielen Dank an die Stadt Leipzig, den Stura der Universität Leipzig, die Doris Wuppermann-Stiftungund die Aktion Menschfür die Hilfe und Unterstützung bei der Realisierung von „Fan.tastic Females“ in Leipzig.

Mehr als eine Gedenkstättenfahrt…

Das Fanprojekt auf Bildungsreise in Oswiecim und Krakau

Historisch-politische Bildungsarbeit mit Jugendlichen, die die Zeit des Nationalsozialismus und die Shoah thematisieren, steht 73 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus und dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor ganz neuen Herausforderungen. MultiplikatorInnen historisch-politischer Bildung – Fanprojekte gehören hier dazu – müssen sich veränderten didaktischen Anforderungen stellen, damit Geschichte den Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen nicht verliert und mit dem Wissen über die deutsche Geschichte eine politischen Kultur mit „Kraft zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen“ gefördert werden kann.

Auch vor diesem Hintergrund fand Ende Oktober eine Gedenkstättenfahrt vom Leipziger Fanprojekt nach Polen statt. Bei der Fahrt nach O?wi?cim und Krakau stand die Erinnerung an die Vernichtung der Europäischen Juden sowie die gedächtnispolitische Diskussion vor Ort im Zentrum der Auseinandersetzung. Gemeinsam mit einer Gruppe von acht Jugendlichen und jungen Erwachsenen – allesamt Fans von Chemie Leipzig – beschäftigen wir uns eine Woche lang mit Erinnerungskultur, ZeitzeugInnenschaft und Minderheitenpolitik, machen Station in verschiedenen Gedächtnisorten, trafen Überlebende und traten mit polnischen Akteuren in Austausch.

Die Reise startete mit einem Besuch der Internationalen Jugendbildungsstätte/IJBS in O?wi?cim und dem Problem der immer schwieriger werdenden ZeugInnenschaft. Die Generation der ZeitzeugInnen, die über den Alltag im NS, über Holocaust und Widerstand, über Krieg und Verbrechen Auskunft geben kann und will, verschwindet. Der medialen Vermittlung von Geschichte kommt daher durch die „sekundäre Zeitzeugenschaft“ immer mehr Bedeutung zu. Wie dringend diese Aufgabe ist, zeigen mehrere Untersuchungen des historischen Wissens von Jugendlichen über die NS-Zeit. Zusammen mit den Bildungsreferenten des Hauses besichtigten wir unter anderem das „Jüdische Zentrum“, eine Kombination aus Museum und Synagoge, und informierten uns über die ausgelöschte jüdische Geschichte der Stadt O?wi?cim. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung waren in der 30er Jahren Jüdinnen und Juden.

Am nächsten Tag besuchten wir nach einer Einführung in der IJBS die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz I, in der sich das Stammlager befand. Eine beeindruckende Führung durch die einzelnen Lagerkomplexe machte allen TeilnehmerInnen schnell klar, warum Auschwitz und sein Name für die ganze Welt zum Symbol für Terror und Völkermord geworden ist. Die Singularität wurde am darauffolgende Tag noch schmerzlicher bewusst, erlebten wir im Rahmen der Führung in Birkenau (Auschwitz II) noch ein wenig intensiver und individueller den industriellen Wahnsinn der Ermordung der europäischen Juden. Der Lagerkomplex in Birkenau umfasste mehrere voneinander abgetrennte Bereiche, darunter ein spezielles Frauenlager sowie ein „Zigeunerlager“. Die Rampen von Auschwitz-Birkenau stehen wie kein anderer Ort für das größte Menschheitsverbrechen der Welt.

Im zweiten Teil der Reise besuchten wir Krakau. Der Schwerpunkt dieses Parts lag auf der Erzählung der Widerstandsgeschichte im Krakauer Ghetto. Das Ghetto, das in den Jahren 1941-1943 im Stadtteil Podgórze bestand, war eine blutige Etappe auf dem Weg der Vernichtung der Krakauer Juden. Trotzdem formierte sich Widerstand und eine organisierte Fluchthilfe, der sich u.a. in dem kleinen, aber sehr feinen Museum „Apotheke zum Adler“ sehr gut nachvollziehen lässt. Einer umfangreichen Führung an den Grenzverläufen des ehemaligen Ghettos folgte ein sehr besonderer Punkt des Krakau-Besuchs: ein Zeitzeugen-Gespräch mit der Ghetto-Überlebenden Rena Rach. Im Galizischen Museumin Krakau erzählte uns Frau Rach ihre Geschichte. Im Alter von drei Jahren gelang ihr zusammen mit ihrer Mutter die Flucht aus dem Ghetto und somit vor dem sicheren Tod. Vor allem die traumatischen Auswirkungen von Überleben, Flucht und Aufarbeitung aus der Zeit im Ghetto beeindruckten alle TeilnehmerInnen sehr. Das Gespräch endete mit dem Appell von Rena Rach, wachsam zu sein, damit sich so etwas wie die Shoah nie wiederholt. Im Stadtteil Kazimierz erlebten wir am letzten Tag, wie sich das jüdische Krakau wieder neu im pulsierenden Leben der Stadt als „Normalität“ etablieren konnte. Mit der individuellen Erkundung des Stadtteils endete eine ziemlich beeindruckende, teilweise bedrückende Gedenkstättenfahrt…

Wir danken dem Referat für Internationale Zusammenarbeitder Stadt Leipzig sowie dem Solifonds derLinkenim Sächsischen Landtag für die Unterstützung der Gedenkstättenfahrt!

Überwachung von Leipziger Fußballfans – auch für das Fanprojekt eine Herausforderung

Seit 7 Jahren leistet das Fanprojekt in Trägerschaft der Outlaw gGmbH erfolgreich Fansozialarbeit am Standort Leipzig. Voraussetzung hierfür war und ist die professionelle Arbeit im Netzwerk nach den Standards des „Nationalen Konzeptes Sport und Sicherheit“, (NKSS), des SGB VIII sowie der jahrelange Auf- und Ausbau belastbarer Vertrauensverhältnisse zu den Fans – in einer Stadt, die angesichts dreier sehr unterschiedlicher Clubs und Fanszenen gemeinhin als nicht einfach gilt.

Dass Fansozialarbeit an diesem Standort tatsächlich nicht immer einfach ist, lag in letzter Zeit jedoch vor allem an zwei §129-Verfahren („Bildung krimineller Vereinigungen“), die sich beide vornehmlich gegen Fans der BSG Chemie Leipzig richteten – Fans, mit denen das Fanprojekt im Zuge seines sozialpädagogischen Arbeitsauftrags zusammenarbeitet. Das erste Verfahren wurde nach drei Jahren Ermittlungsaufwand im Herbst 2016 ergebnislos eingestellt. Neben Angehörigen der Ultraszene der BSG Chemie Leipzig wurde damals auch ein Mitarbeiter unseres Fanprojekt-Teams beschuldigt, Mitglied einer kriminellen Vereinigung zu sein, deren einziger Zweck darin bestünde, Straftaten zu begehen. Weitere Kolleg*innen waren als Dritte von Überwachungsmaßnahmen betroffen. (Weiterführender Link: https://www.fanprojekt-leipzig.de/presse/artikel/spannungsfeld-fanarbeit-outlaw-ggmbh-und-koordinierungsstelle-fanprojekte-beziehen-stellung.html)  Nun wurde im Juni diesen Jahres das zweite §129-Verfahren ebenfalls ergebnislos eingestellt. (Weiterführender Link: https://www.129freunde.de/) Dieses Mal gerieten ausschließlich Ultras der BSG Chemie Leipzig als Beschuldigte sowie mehrere hundert Drittbetroffene in den Fokus der Sicherheitsbehörden –  unter diesen wieder einer unserer Kollegen, dessen dienstliche Telefonate mit einigen der Beschuldigten abgehört wurden.

Wenn auch im Unterschied zum ersten Verfahren unser Kollege dieses Mal glücklicherweise nicht zum Kreis der Beschuldigten gezählt wurde, erschweren die Dimension und die Art und Weise dieser Ermittlungen dennoch auf mehreren Ebenen unsere alltägliche Fansozialarbeit am Standort.

Auswirkungen haben solche Maßnahmen zu aller erst auf unseren grundsätzlichen pädagogischen Auftrag, etwa im Hinblick auf den Abbau von Feindbildern in den Fanszenen und die Vermittlung zwischen Fans und den am Fußball beteiligten Institutionen. Die bereits vorhandene Skepsis von Fußballfans gegenüber staatlichen Institutionen und den Sicherheitsbehörden dürfte jedenfalls aufgrund der erneuten Drastik der Vorwürfe und dem nur schwer nachvollziehbaren Ausmaß der Ermittlungen nicht abgenommen haben. Verhärtete Standpunkte wieder aufzuweichen wird dadurch sicherlich nicht einfacher. Aber auch eingeleitete Prozesse zur Stärkung individueller Verhaltenssicherheit unter jungen Fußballfans, ein weiterer wichtiger Bestandteil des pädagogischen Auftrags von Fansozialarbeit, werden angesichts der Tragweite solcher Ermittlungen untergraben. Gerade wenn junge Menschen befürchten müssen, nur aufgrund ihres Fandaseins Bestandteil von umfassenden Ermittlungen zu werden, führt das natürlich auch zu individueller Verunsicherung bei den Betroffenen.

Abgesehen von dieser allgemeinen Ebene wirken sich aber gerade auch die konkreten Überwachungsmaßnahmen gegen Fanprojekt-Mitarbeiter*innen im Zuge solcher Ermittlungen negativ auf unsere Arbeit aus – insbesondere auf das Vertrauensverhältnis zwischen Fanprojekt-Mitarbeiter*innen und Klient*innen. Dieses vertrauensvolle Verhältnis ist Grundlage der Fansozialarbeit und unabdingbar für die pädagogische Intervention und Prävention; es ist Basis dafür, die Reflexion persönlichen Fehlverhaltens und positive Verhaltensänderungen bei Klient*innen anzustoßen. Dies wird perspektivisch verunmöglicht, wenn Fanprojekt-Mitarbeiter*innen abgehört und so etwa vertrauensvolle Gespräche mit Klient*innen durch Sicherheitsbehörden aufgezeichnet werden.

Zumal  solche Überwachungsmaßnahmen gegen einzelne Fanprojekt-Mitarbeiter*innen natürlich immer auch eine sehr sensible und persönliche Ebene bei den betroffenen Kolleg*innen berührt, denn ob es  zu konkreten Beschuldigungen oder zu Überwachungsmaßnahmen gegen Fanprojekt-Mitarbeiter*innen kommt – sie führen auch bei uns zu einer Verunsicherung, welche selbstverständlich das berufliche Agieren erschwert. Denn wie soll am Standort professionell gearbeitet werden, wenn sich Fanprojektmitarbeiter*innen nur wegen der Ausübung ihres Jobs Überwachungsmaßnahmen ausgesetzt sehen oder gar als Beschuldigte gelten können?

Gleichwohl sind unser Erfahrungen in Leipzig Teil einer umfassenderen Herausforderung, die für das Berufsfeld der Sozialen Arbeit nicht neu ist: Vorladungen zu Zeugenaussagen oder das anderweitige Abfassen von Informationen durch Behörden im Kontext der Strafverfolgung sind Erfahrungen, mit denen Streetworker*innen auch in anderen Arbeitsbereichen und an anderen Fanprojekt-Standorten konfrontiert werden. Soziale Arbeit, allen voran der Teilbereich Streetwork, steht somit immer vor der Notwendigkeit, den eigenen fachlichen Ansatz gegenüber den Sicherheitsbehörden zu erklären und zu schützen.

Voraussetzung für den Schutz des Berufsfeldes ist ein grundlegendes Verständnis von der Arbeitsweise und den fachlichen Standards Sozialer Arbeit.  Dies den beteiligten Institutionen und Netzwerkpartnern zu vermitteln ist weiterhin sinnvoll. Transparent zu machen, wie sich solche einschneidenden Ermittlungen auf Fußballfans und damit auch auf die alltägliche Arbeit der Fanprojekte auswirken, kann dabei aber nur ein Schritt sein. Gerade unsere Erfahrungen in Leipzig zeigen, wie wichtig vor allem der konkrete gesetzliche Schutz unserer Arbeit ist. Deswegen halten auch wir die Reform des § 53 StPO einschließlich eines erweiterten Zeugnisverweigerungsrechtes für die Fanprojekte (Weiterführender Link: https://www.kos-fanprojekte.de/index.php?id=298), aber auch für andere sensible Felder der Sozialen Arbeit, die im Umgang mit den Klient*innen des umfassenden Geheimnisschutzes bedürfen, für notwendig. Nur so können wir unsere Arbeit weiterhin so professionell und angemessen gestalten, wie wir dies bislang getan haben.

„Mittendrin“: Bundeszentrale für politische Bildung lädt zur Lesung beim Leipziger Fanprojekt

Im Rahmen der Leipziger Buchmesse lud die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) am 17. März zu einer Buchlesung mit anschließender Diskussion – und zwar beim Leipziger Fanprojekt. In den Räumen der Geschäftsstelle stellten die Autor*innen Frank Willmann und Anne Hahn die neue Publikation „Mittendrin. Fußballfans in Deutschland“ vor, die in der bpb-Reihe „Zeitbilder“ erscheint. Porträtiert werden hier jene Akteure, die sonst nicht im Rampenlicht stehen, die Fußballkultur aber entscheidend prägen: die Fans.

Knapp 20 geladene Gäste fanden trotz wiederkehrenden Wintereinbruchs am Messe-Samstag den Weg in die neuen Räumlichkeiten des Leipziger Fanprojekts im Dachgeschoss der Käthe-Kollwitz-Straße. In lockerer Runde präsentierte Frank Willmann, Mitherausgeber des Bandes, zur Einstimmung einen Text über den Leipziger Fußball aus dem Buch. Danach bekamen die Gäste Gelegenheit, Fragen an die Buchverantwortlichen zu stellen. Daraus entwickelte sich eine interessante Diskussion darum, inwiefern Fußball-Fans politische Akteure sind und ob das Fußballstadion als Raum politischer Auseinandersetzung anerkannt werden sollte.

Christian Kohn, Leiter des Leipziger Fanprojekts, begrüßte sowohl die Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung, als auch die angesprochene Diskussion: „Wir haben uns sehr darüber gefreut, dass die Bundeszentrale für politische Bildung uns für diese Veranstaltung angefragt hat. Die Frage, ob und wie politisch der Fußball und seine Fans sind, begleitet die Fanprojekte und unsere konkrete Arbeitet schon seit längerem – und es ist wichtig, diese Debatte zu führen.“

Auch Christian Vey, Pressereferent der Bundeszentrale für politische Bildung, wertete die Veranstaltung als Erfolg: „Das Buch ‚Mittendrin‘ in einer echten Fußballmetropole präsentieren zu können, war für die bpb eine tolle Gelegenheit. Dass die Diskussionsrunde beim Fanprojekt, das mit allen wichtigen Leipziger Vereinen zusammenarbeitet, stattfinden konnte, war ein echter Glücksfall.“

Für das Buch haben Frank Willmann und Anne Hahn wichtige deutsche Fußballstandorte besucht und haben mit Fans über ihre Leidenschaft sowie ihre Sicht auf Politik und Gesellschaft gesprochen. Auch Fanarbeiter, Wissenschaftler und Funktionäre kommen zu Wort. Ergänzt werden die Texte durch Fotografien.

Weitere Informationen zum Buch und der Reihe Zeitbilder finden Sie hier.

„Die Beweggründe der Menschen ernst nehmen“: Der neue Leiter des Leipziger Fanprojekts stellt sich vor

Seit November 2017 ist Christian Kohn der neue Projektleiter des Leipziger Fanprojekts der Outlaw gGmbH. Der Kulturwissenschaftler, der seine Doktorarbeit abgegeben und 2017 verteidigt hat, bringt dafür Erfahrungen aus der politischen Bildungsarbeit, Journalismus im Bereich Fußball und Gesellschaft sowie Netzwerkarbeit mit: Zuvor war der 36-Jährige Projektkoordinator bei der Initiative für mehr gesellschaftliche Verantwortung im Breitensport-Fußball (IVF) und arbeitete zuletzt im Projekt „Im Sport verein(t) für Demokratie“ des Landessportbundes Sachsen mit.

Der gebürtige Stuttgarter und vierfache Familienvater übernimmt die Leitung von Sarah Köhler, die wieder mehr direkte Fanarbeit leisten möchte. Die Sozialpädagogin leitete das Fanprojekt erfolgreich seit Übernahme der Outlaw-Trägerschaft im Jahr 2011.

Im Interview spricht Christian Kohn über die Aufgaben und Herausforderungen der Fanprojektarbeit und natürlich auch über seine persönliche Beziehung zum Fußball.

Herr Kohn, herzlich willkommen beim Leipziger Fanprojekt – einem Standort mit traditionell unterschiedlichen Fanszenen! Welche Herausforderungen sehen Sie?
Vielen Dank, ich freue mich sehr, an Bord sein zu dürfen! Meine persönliche Herausforderung wird sein, mir einen Überblick über die konkrete Arbeit mit den unterschiedlichen Fangruppen zu verschaffen. Ich habe mich zwar in den letzten Jahren viel mit Fankultur auseinandergesetzt, bin aber von Haus aus Kulturwissenschaftler. Deswegen freue ich mich sehr, von meinen Kolleg*innen auch im praktischen Bereich dazu lernen zu dürfen.

Und dann gibt es aktuell ganz konkrete Herausforderungen am Standort: RB Leipzig spielt diese Saison zum ersten Mal international. Neue Spielorte stehen an, andere organisatorische Abläufe sind notwendig. Beim 1. FC Lokomotive Leipzig werden momentan Perspektivdiskussionen geführt, da gilt es den Dialog zwischen Fans und Verein zu unterstützen. Die BSG Chemie spielt in der Regionalliga gegen den Abstieg an, da wird jedes Spiel zum „Highlight“ für alle Beteiligten. Es gibt also viel zu tun!

Wie bewerten Sie die Arbeit des Fanprojekts der letzten Jahre und welche Aufgaben wollen Sie angehen?
Vor der erfolgreichen Arbeit des Fanprojekts in den letzten sechs Jahren kann ich nur meinen Hut ziehen. Diesen Weg möchte ich weitergehen und ausgehend von der guten Basis die konzeptionelle Arbeit ausbauen und bestehende Kooperationen vertiefen. Konkret wollen wir 2018 das Projekt „Lernort Stadion“ in den Mittelpunkt rücken. Das Ziel ist, bei jungen Fußballfans soziale Kompetenzen zu stärken und ihr Interesse für außerschulische (politische) Bildung zu wecken. Das Konzept stammt aus England und wird bereits an deutschen Profi-Standorten umgesetzt.

Wie wird sich das Fanprojekt in den nächsten Jahren aufstellen und welche Aufgaben sehen Sie?
Das hängt natürlich auch sehr davon ab, wie sich die gesellschaftliche Situation entwickelt. Aktuell wird der Ruf nach autoritären Problemlösungen und Ausgrenzung wieder lauter. Das ist im Fußball nicht anders – vor allem im Osten. In Anbetracht dessen wird eine der Hauptaufgaben sicherlich sein, die vermittelnde Rolle weiter auszubauen und unseren präventiven Ansatz weiter zu stärken.

Und ganz persönlich: Was bedeutet Ihnen der Fußball?
Ich war fast dreißig Jahre lang selbst aktiv am Ball und liebe den Fußball einerseits für das offene und solidarische Potenzial. Andererseits sind der Fußballsport und seine kulturellen Formen selbst Ergebnisse unserer Gesellschaft, weshalb er eben auch negative Erscheinungen mit sich bringt. In jedem Falle ist der Fußball nicht nur für mich, sondern für unglaublich viele Menschen sehr wichtig geworden – was eben auch bedeutet, dass wir die vielfältigen Beweggründe der Menschen ernst nehmen müssen. Und genau da setzt die Fanprojektarbeit an.