Fanprojekt feiert mit dem Wege e.V.

Gestern feierte die Kinder-, Jugend- und Familienberatungsstelle „AURYN“ vom Wege e.V. im Henriettenpark im Leipziger Westen ihr 20-jähriges Jubiläum. Der Verein arbeitet auf ganz vielfältige Weise zu psychosozialen Problemlagen. Vor allem seelisch belasteten, psychisch erkrankten Menschen und ganz besonders ihren Familien und Freunden hilft Wege e.V. in verschiedenen Bereichen des alltäglichen Lebens. Unter anderem bei der Arbeit, eigenständigem Wohnen und bei der Stärkung und Wiederherstellung eines intakten Soziallebens. Bereits mehrfach waren MitarbeiterInnen des Vereins im Alfred-Kunze-Sportpark zu Gast, um über psychische Erkrankungen und den Umgang aufzuklären.

Im Rahmen des gestrigen Familienfestes hatten Fans der BSG eine kleine Kreativ-Strecke für Kinder und Jugendliche aufgebaut. Mit Farben, Schablonen und Spraydosen wurden unzählige T-Shirts bemalt. Den Kids, den Veranstaltern und uns hat das eine Menge Spaß bereitet. Und wir hoffen natürlich, dass die Akzeptanz des Lebens mit seelischen Krisen durch den Verein auch in den nächsten 20 Jahren weiter gestärkt wird. Herzlichen Glückwunsch!

 

Infos zur Arbeit des Vereins findet ihr hier:

https://wege-ev.de/beratungs-und-hilfeangebote/kinder-jugend-und-familienberatungstelle-auryn

»Das weiße Denken« – eine Veranstaltung am 12. Mai mit Lilian Thuram im UT Connewitz

Lilian Thuram ist eine Fußballlegende, Rekordnationalspieler der Équipe Tricolore, ein echter Welt- und Europameister. Im EM-Halbfinale 1998 gegen Kroatien schoss er die beiden wichtigsten Tore seiner Karriere. Heute ist Lilian Thuram vor allem ein Denker, Kritiker und Buchautor. Seit vielen Jahren engagiert er sich in antirassistischen Initiativen rund um den Fußball, er problematisiert und eckt an. Jetzt ist sein beeindruckendes Buch auch auf Deutsch erschienen: »Das weiße Denken« geht dabei über die üblichen antirassistischen Bekenntnisse und die netten Bilder rund um die Vielfalt des Fußballs hinaus. Thuram klagt wütend an, er argumentiert schlau und kompromisslos und recherchiert tief in der rassistischen Geschichte und Gegenwart Europas. Die Erfindung des »Weißseins« im Zuge des Kolonialismus, die Ignoranz gegenüber nichtweißer Geschichte und die zeitenübergreifende Verteidigung des Rassismus sind nur einige wichtige Aspekte, auf die Thuram eingeht. Eigene Erfahrungen verschränkt er dabei mit politischer Theorie und historischer Recherche.

Vom Fußball handelt das Buch natürlich auch, z.B., wenn es um die Gleichheit im französischen Nationalteam ging. Oder um die Polizeikontrolle auf dem Streetsoccerplatz in der Banlieue. Oder um die Quote, die der französische Fußballverband klammheimlich aufstellte, um die die Anzahl von Schwarzen in der Équipe Tricolore zu reduzieren.

 

Am 12. Mai ab 19 Uhr liest Lilian Thuram aus seinem Buch »Das weiße Denken« im UT Connewitz. Die Veranstaltung wird von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Edition Nautilus und antifascist-europe in Kooperation mit dem Fanprojekt organisiert und ist kostenlos.

 

https://www.rosalux.de/news/id/46446/lesereise-mit-dem-frueheren-franzoesischen-fussballstar-lilian-thuram

Kick it Like?

Im Vergangenen Jahr hat sich das Fanprojekt zusammen mit einer Projektinitiative aus jungen Chemiefans, um die historische Sichtbarmachung von Mädchen und Frauen bei der BSG gekümmert. Die Initiatorinnen haben in den Archiven gewühlt, Zeitzeuginnen besucht und befragt, sowie viel wunderbare Dokumente gesichtet. Als kleines Zwischenergebnis ist soeben die Broschüre: »Kick it like? Mädchen und Frauen in der Fankultur und im Verein BSG Chemie Leipzig« erschienen. Ein erster, tiefergehender Einblick ins Themenfeld »Frauen bei Chemie«, der sowohl sporthistorische als auch fankulturelle Aspekte in den Fokus stellt.

»Kick it like?« dokumentiert in Texten und vielen erstmals zu sehenden Dokumenten und Fotografien die Entstehung der ersten Frauenfußballmannschaft der BSG, zu Beginn der 1970er-Jahre sowie der Mädchen- und Frauenabteilung beim FC Sachsen. Ein Rückblick auf das Verhältnis von Frauenfußball und Emanzipation in der DDR ist ebenso ein Thema, wie die Kritik an Stereotypen gegenüber Mädchen und Frauen in der Kurve und wie überhaupt im Stadion. Ein Interview mit Helga Roos, die sich als Fan von Eintracht Frankfurt seit Jahren mit Mädchen und Frauen im Frankfurter Sport beschäftigt, lässt einen Blick über den Leutzscher Tellerrand zu. Außerdem meldet sich die seit einem Jahr agierende Arbeitsgruppe: „S.O.S. Sportpark ohne Sexismus?“ zu Wort. Eine erste Chronik zum Leutzscher Frauenfußball gibt einen Überblick zu Spielen und Titeln. Die reichhaltige Materialsammlung zu Büchern, Podcasts und Dokumentationen bietet über Chemie hinaus noch viel Stoff zum Thema Mädchen, Frauen und Fußball.

Anlässlich der Veröffentlichung der Projektergebnisse haben die beiden Mitherausgeber:innen Sebastian Kirschner vom Fanprojekt und Nicci Sander ein Interview im Leipziger Stadtmagazin »Kreuzer« gegeben und über ihre Motivation für das Projekt gesprochen:

https://kreuzer-leipzig.de/2022/03/11/es-tut-sich-was

Die Broschüre »Kick it like?« ist der dokumentarische Teil des Projektes »Fußballgeschichten – Mädchen und Frauen im Verein und in der Fankultur der BSG Chemie Leipzig«, das 2021 im Rahmen des Themenjahrs »Leipzig – Stadt der sozialen Bewegungen« durchgeführt wurde. Das Projekt wurde von der Stadt Leipzig, der LeipzigStiftung, der Doris-Wuppermann-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert.

Fritz Bauer und die Auschwitzprozesse – eine Bildungsreise nach Frankfurt

Das Fanprojekt führte Ende Oktober seine erinnerungspolitischen Bildungsreisen mit jungen Fans der BSG Chemie Leipzig fort. Nach mehreren Projekten in Polen und Slowenien in den vergangenen Jahren ging es dieses Mal in die Partnerstadt Frankfurt. Die Main-Metropole ist nicht nur ein Ort mit einer bewegenden jüdischen Geschichte, sondern auch die Stadt, in der 1963 der erste Auschwitzprozess begann. Dieses Thema – die vergangenheitspolitische und erinnerungskulturelle Dimension und die Aufarbeitung der NS-Verbrechen – war der Aufhänger des dreitägigen Programms. Zusammen mit dem Eintracht-Frankfurt-Museum erforschten wir die nationalsozialistische Ausgrenzungs- und Gleichschaltungspolitik am Beispiel der Frankfurter Eintracht und ausgewählten Biographien. Ganz nachdrücklich bliebt uns dabei das Gespräch mit dem Eintracht-Ehrenmitglied Helmut „Sonny“ Sonneberg in Erinnerung. In einem beindruckenden Treffen berichtete er uns von den antisemitischen Demütigungen der Nazis, die er als Kind erleben musste, von seiner Deportation nach Theresienstadt und davon, wie die Eintracht ihm nach der Befreiung den Lebensmut wiedergab. Das vom Eintracht-Museum organisierte und moderierte Gespräch hinterließ bei allen Teilnehmenden einen bleibenden Eindruck. Am zweiten Tag stand die Person Fritz Bauer im Mittelpunkt. Bauer war im Post-NS-Deutschland hessischer Generalstaatsanwalt, maßgeblich an der Ergreifung und Verurteilung von Adolf Eichmann beteiligt und initiierte zusammen mit einer Handvoll junger Staatsanwälte – gegen viele Widerstände in Justiz und Politik – den ersten Auschwitzprozess in Frankfurt. Ein Stadtrundgang führte uns an seine Wirkungsstätten und die Prozessorte. Im Anschluss fand zusammen mit Mitarbeiterinnen des Fritz-Bauer-Instituts ein Workshop zur Rezeption der Auschwitzprozesse statt. Beindruckend waren hier vor allem die vielen Tondokumente, die Zeugnis über die Handlanger der Exekutoren und Massenvernichtung abgaben. Lebhaft und Kontrovers diskutieren wir im Anschluss über die Bedeutung der Verhandlungen und die unterschiedlichen juristischen, historischen und politischen Perspektiven. Die Reise endete am nächsten Tag mit einem Herbststurm und dem Besuch des Jüdischen Museums im Rothschild-Palais. Das Museum behandelt und thematisiert das Wiederentstehen jüdischen Lebens nach der Shoa in vielen persönlichen Geschichten. Die neue Dauerausstellung „Wir sind Jetzt“ erzählt dabei die Geschichte der Jüdinnen und Juden in Frankfurt von der Aufklärung und Emanzipation bis zur Gegenwart. Zentral ist dabei stets die politische wie philosophische Frage: Wie wollen wir zusammenleben? Die drei Tage in Frankfurt haben uns auf jeden Fall geholfen, ein paar Antworten mehr dazu auf Lager zu haben…

 

Wir danken vor allem dem Eintracht-Museum, dem Frankfurter Fanprojekt und dem Fritz-Bauer-Institut für die Unterstützung. Ohne die drei Institutionen wäre die Fahrt so nicht möglich gewesen.

Das Projekt „Auf Spurensuche“ wurde vom Referat für Internationale Zusammenarbeit der Stadt Leipzig gefördert.

Buchvorstellung: „Vereint im Stolz. Fußball, Nation und Identität im postjugoslawischen Raum“

Datum: 13. Oktober 2021 – 19 Uhr
Ort: Geisteswissenschaftliches Zentrum (Hörsaal Erdgeschoss), Beethovenstraße 15

Auf dem Podium diskutieren:
Frank Willmann, Autor und Journalist, Berlin
Alexander Mennicke, Autor und Doktorand Universität Leipzig, Leipzig
Moderation:
Prof. Dr. Stefan Rohdewald, Leipzig

Der von Krieg und Gewalt begleitete Auflösungsprozess Jugoslawiens hat auch im Sport tiefe Gräben hinterlassen. So waren etwa die „großen Vier“ des jugoslawischen Fußballs – Hajduk Split, Partizan und Roter Stern Belgrad sowie Dinamo Zagreb – und ihre Fanszenen nicht nur unmittelbar von den kriegerischen Auseinandersetzungen betroffen, sondern Fans beteiligten sich aktiv an ihnen. Heute steht der Fußball in allen postjugoslawischen Republiken vor Problemen: Die Zuschauerzahlen sind rückläufig, und viele wenden sich aufgrund von Korruptionsaffären in Verbänden und Vereinen vom organisierten Fußball ab. Gleichzeitig liefert und verstärkt der Fußball für seine Fans weiterhin relevante Merkmale ihrer Identität: Zugehörigkeit zum Verein, zur ethnischen Gruppe, zur Nation. So spiegeln sich die Rivalitäten und Konflikte der Region auch im Fußball, wie die im Band versammelten Fotos und Interviews vor Augen führen. Anne Hahn und Frank Willmann haben in Bosnien-Herzegowina, dem Kosovo, Kroatien, Montenegro, Nordmazedonien, Serbien und Slowenien mit Fans, Aktivistinnen, Wissenschaftlern und Kulturschaffenden gesprochen und Fußballspiele besucht – von der ersten Liga bis zur achten. Die daraus entstandenen Texte und Interviews werden durch eine Vielzahl von Fotografien zum postjugoslawischen Fußball ergänzt. Das Ergebnis ist ein vielschichtiges und differenziertes Bild der Fanszenen vor Ort.

Die Veranstaltung findet statt im Rahmen des Kolloquiums des Lehrstuhls für Ost- und Südosteuropäische Geschichte der Universität Leipzig. In Kooperation mit der Südosteuropa-Gesellschaft und dem Fanprojekt Leipzig.

Für die Veranstaltung gilt die 3G Regel. Bitte bringen Sie den Nachweis einer Genesung vom Corona Virus, einer Impfung oder ein negatives Testergebnis mit. Je nach Pandemie-Lage, kann die Teilnehmer*innenzahl beschränkt werden.

Jugend, Fußball und Repräsentation in Leipzig nach Corona

Der folgende Text ist die leicht überarbeitete  Version eines Vortrags, der im Rahmen des Impulsabends „Fußball reloaded – Fankultur nach Corona“am 21.07.2021 gehalten wurde.

 

Jugend, Fußball und Repräsentation in Leipzig nach Corona – Impulse aus Sicht der Fansozialarbeit zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs mit Fans

Christian Kohn

Dass sich unser aller Alltag einmal so radikal verändern würde, wie das seit dem Frühjahr 2020 passiert ist, daran hätte wahrscheinlich vor nun gut 1 ½ Jahren kaum jemand gedacht: Kontaktbeschränkungen, Maskenpflicht, Schul- und Kitaschließungen, Homeschooling, Diskussionen um Impfpflicht, Inzidenzen und R-Werte und natürlich auch die Sorge um Risikogruppen, all das waren Erfahrungen, die wir alle so noch nicht kannten – und die zu sehr viel Verunsicherung und sicher auch Frustration geführt haben. Continue reading „Jugend, Fußball und Repräsentation in Leipzig nach Corona“

“Fußball reloaded – Fankultur nach Corona” – Fanprojekt Leipzig veranstaltet Impulsabend

Am 21.07. 2021 lud das Fanprojekt Leipzig zu einem etwas ungewohnten Format ein, das zukünftig öfter stattfinden soll: Drei Vorträge, in denen in jeweils 15 Minuten kurze Impulse gesetzt und kompakte Thesen formuliert wurden, um im Anschluss daran mit  Netzwerkpartner*innen aus Leipzig für 30 Minuten in die Diskussion zu gehen. Anlass war die bevorstehende Saison, auf die vor allem aus Sicht der Fansozialarbeit geschaut werden sollte.

Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte, warf an dem Abend einen bundesweiten Rückblick auf die Aktivitäten der Fanszenen, aber auch auf die Diskussionen um die Rolle der Verbände während Corona; Christian Kohn, Leiter des Leipziger Fanprojekts, ging auf die Herausforderungen für jugendliche Fußballfans während der Coronazeit ein; und der Geschäftsführer des Dresdner Fanprojekts, Ronald Beć, stellte anhand der Erfahrungen mit dem Spiel  Dynamo Dresden gegen Türkgücü München Anregungen vor, wie Kommunikation im Netzwerk angesichts der bevorstehenden, von Corona geprägten Saison und der damit verbundenen Unklarheiten gelingen kann. Die jeweils sich anschließenden Diskussionen wurden von Christian Keppler, dem Bundessprecher der BAG Fanprojekte, moderiert.

“Wir haben zum ersten Mal so ein kompaktes Format mit kurzen Inputs und anschließender Diskussion für das Leipziger Netzwerk organisiert und sind selbst ein wenig überrascht gewesen von den guten Diskussionen und den positiven Rückmeldungen. Die drei Impulsvorträge verfehlten nicht ihre Wirkung, so dass im Anschluss daran sehr offen das jeweilige Thema diskutiert werden konnte”, resümierte Christian Kohn. “Herausgestellt hat sich insbesondere, dass es in der neuen Saison zum einen wichtig sein wird, die Teilhabemöglichkeiten von Fußballfans auszubauen und uns zum anderen für alle am Fußball beteiligten Institutionen das Thema Rollenklarheit im Netzwerk vielleicht sogar intensiver als bisher beschäftigen wird.”

Die Idee des Leipziger Teams ist es, solche Impulsabende regelmäßiger stattfinden zu lassen.

Sächsische Fanprojekte wenden sich an Innenminister Wöller und mehrere Landtagsabgeordnete

Am Montag wenden sich die sechs Träger der sächsischen Fanprojekte mit einem Brief an Innenminister Roland Wöller sowie mehrere Landtagsabgeordnete, um auf die aktuelle Fördersituation aufmerksam zu machen. Das Land Sachsen unterstützt seit vielen Jahren verlässlich und auf vielfältige Weise die sozialpädagogische Arbeit mit Fußballfans, sodass im Freistaat ein professionelles Fanprojekt-Netzwerk aufgebaut werden konnte.

Nicht zuletzt im Koalitionsvertrag der aktuellen Regierung wurde die fachliche Arbeit in besonderer Form wertgeschätzt, indem eine Stärkung der Fanprojekte gleich an zwei Stellen festgelegt ist. Das Ziel des Träger-Schreibens ist es, eine adäquate Anpassung der Förderung der sechs Standorte zu erreichen, die durch jährlich steigende Kosten dringend erforderlich geworden ist. Das Land Sachsen wird voraussichtlich im Mai den Doppelhaushalt für die Jahre 2021/2022 beschließen.

Beitrag vom Fanprojekt Dresden: https://www.fanprojekt-dresden.de/saechsische-fanprojekte-wenden-sich-an-innenminister-woeller-und-mehrere-landtagsabgeordnete/https://www.fanprojekt-dresden.de/saechsische-fanprojekte-wenden-sich-an-innenminister-woeller-und-mehrere-landtagsabgeordnete/

Sportbuzzer-Interview mit Sebastian Kirschner

Mit freundlicher Genehmigung durch Britt Schlehahn und LVZ-Sportbuzzer

Sebastian Kirschner ist beim Fanprojekt Leipzig seit 2013 für die BSG Chemie zuständig. Im Gespräch mit dem SPORTBUZZER erzählt er über seine Aufgaben im Ligaalltag, die manchmal schwierige „Übersetzerfunktion“, seine Arbeit in Zeiten der Corona-Pandemie und das „Raumschiff Fußball“.

Was macht das Fanprojekt Leipzig eigentlich?

Sebastian Kirschner: Fanprojekte sind nicht, wie viele immer denken, bei den Vereinen angesiedelt sondern unabhängige, mit öffentlichen Mitteln finanzierte Institutionen der Jugendhilfe. Im ganzen Land gibt es mehr als sechzig, in Leipzig „kümmert“ sich das Fanprojekt, das unter der Trägerschaft von Outlaw (Outlaw gemeinnützige Gesellschaft für Kinder- und Jugendhilfe mbH, d. Red.) steht auf ganz unterschiedliche Art und Weise, um die Fanpotentiale der drei großen Vereine RB, Chemie und Lok.

Jeder Verein hat sozialpädagogische Mitarbeiter, die nur für die jeweilige Klientel da sind. Unsere Zielgruppe sind daher vor allem Kinder und Jugendliche. Und um es noch präziser zu machen, in erster Linie junge Leute, die sich der Jugend- und Subkultur der „Ultras“ zuzählen. Ultras kommen ursprünglich aus Italien und sind derzeit eine der größten und vitalsten Jugendkulturen der Welt.

Seit 2013 bin ich für die Chemiefans also „da“ und habe den Weg des Vereins und seine Anhängerschaft von der Bezirksliga bis in die 4. Liga miterlebt. Unser Arbeitsalltag ist extrem vielfältig und dreht sich vor allem darum, jungen Fans, trotz aller Schwierig und -widrigkeiten eine positive Lebensorientierung mitzugeben. Natürlich thematisieren wir auch problematische Entwicklungen in der Fankultur, viel wichtiger und entscheidender sind aber die Momente von Selbst- und Mitbestimmung, gesellschaftlicher Verantwortung und kreativer Mitgestaltung: alles Dinge, die das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Fußballfans ganz zentral ausmachen.

Ein gegenseitiges belastbares Vertrauensverhältnis, die Freiwilligkeit der Interaktion und eine gewisse Intensität der „Zusammenarbeit“ sind dabei ebenso wichtig, wie ein Verständnis von „Jugend“ auf der Höhe der Zeit. Die Schwierigkeiten, die der Lebensabschnitt Jugend mit sich bringt, bearbeiten wir in Einzelfallhilfen und Beratungsangeboten. Tiefgreifende aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln sich natürlich auch in der Fankultur wieder – oftmals sogar viel deutlicher: Fanprojekte unterstützen hier das eh schon große Potential an politischem „Teilhabenwollen“, sie forcieren historische Bildungsarbeit oder flankieren Entwicklungen, die zu Geschlechter- oder Chancengleichheit führen sollen.

Was war bisher Ihr schönstes und schlimmstes Erlebnis bei der BSG?

Schönste Momente sind meistens fußball-immanente Überraschungen: Siege, die man nicht erwartet hätte, besondere Tore, die Glücksgefühle auslösen und natürlich hochemotionale Aufstiege und Pokalspiele. Als Sozialarbeiter ist man da ganz schön nah an der Gefühlswelt der Fans dran. Und trotz professionellem Verhältnis überkommt einen dann doch mal der irrationale Fußballwahnsinn. Ein Gefühl, das ich vorher so nicht kannte. Schlimm ist eigentlich nichts. Man lernt, sich – zumindest in manchen Situationen – ein dickes Fell zuzulegen. Das braucht man auch und ist Bestandteil des Alltags.

Wie ist das Verhältnis zum Verein?

Sehr gut. Das basisdemokratische Verständnis in den Vereinsstrukturen – der Verein wurde ja von seinen Fans mit jeder Menge Herzblut wieder gegründet – spiegelt sich natürlich auch in der Zusammenarbeit wieder. Viele kurze Wege mit dem Fan- und Sicherheitsbeauftragten der BSG, intensive Kommunikation, ein großes Verständnis und eine fundierte Kenntnis über das „Denken und Fühlen“ von Fans: all das kennzeichnet unser Arbeitsverhältnis. Und selbst wenn es mal zu divergierenden Positionen kommt – was recht selten der Fall ist – sind wir in der Lage, diese produktiv und mit Anerkenntnis für die jeweils andere Meinung zu lösen.

Welche Rolle spielt der Fanbeauftragte im normalen Ligaalltag?

Eine vielfältige, würde ich sagen. In erster Linie geht es dabei um präventive Kommunikation. Es gibt an jedem Spieltag viele „Player“ mit teilweise unterschiedlichen, manchmal auch entgegenstehenden Interessen. Natürlich stehen die Fans an erster Stelle, wobei mein vorrangiger Arbeitsauftrag „jungen Fans“, vor allem Ultras und Ultra‘-nahen Gruppen gilt. Dann gibt es den Heim- und Gastverein, die Fan- und Sicherheitsbeauftragten. Also die, die sich innerhalb der Vereinsstrukturen bewegen. Es gibt die Fußballverbände und deren Mitarbeiter, die oftmals ein ganz eigenes Verständnis von der Bewältigung von Fußballspielen haben.

Und es gibt die ordnungs- und sicherheitspolitische Seite: kommunale Ämter, Rettungsdienste, Security und natürliche die verschiedenen polizeilichen Organisationsteile – Bundes- und Landespolizei, das Revier um die Ecke, die szenekundigen Beamten. Deren Blick auf den Fußball unterscheidet sich dahingehend von unserem, dass er natürlich ein ausschließlich sicherheitspolitischer ist. In Sicherheitsbesprechungen, die in der Regel vor jedem Spiel stattfinden, aber auch in vielen bilateralen Gesprächen versuchen Fanprojekte die Perspektive von organisierten Fans zu verdeutlichen. Oftmals üben wir dabei eine Art „Übersetzerfunktion“ aus, wir sind quasi der institutionalisierte Dialog und sensibilisieren die „Erwachseneninstitutionen“ für jugendliches Fan-Sein und deren Bedürfnisse. Das ist meistens herausfordernd, manchmal auch anstrengend, weil die unterschiedlichen „Denksysteme“ oftmals nicht kongruent sind.

Wie hat die Pandemie die Arbeit verändert? Wie sieht der gegenwärtige Arbeitsalltag aus?

Natürlich hat Covid-19 wie alle gesellschaftlichen Bereiche auch den Fußball durcheinander gewirbelt. Soziale Arbeit mit Fußballfans in Zeiten, in denen vermutlich langfristig kein Fußball gespielt, oder zumindest live gesehen wird, das klingt absurd. Zumal der direkte Draht zu den Fans, das vertraute Gespräch oder die intensive Diskussion rund um die Spieltage eben nicht stattfinden können. Auch Fußball-immanente Konflikte sind gerade kaum vorhanden. Und klassisches Streetwork funktioniert im Homeoffice auch nur bedingt: Digitalisierungshype hin oder her. Auch unsere Räumlichkeiten können wir nicht nutzen, physische Distanzierung macht soziale Interaktion insgesamt schwer, auch zwischen den Fans untereinander.

Wir versuchen daher das Beste draus zu machen und bleiben eigentlich bei unseren Kernthemen: Kommunikation ist zentral und wird mit Abstand oder eben digital geführt. Den erhöhten Beratungsbedarf z.B. zur individuellen Existenzsicherung merken wir natürlich. Und selbstverständlich tauschen wir uns zur „Lage der Welt“ aus, teilen die Sorgen und fragen uns gemeinsam, wie und wann so etwas wie „Normalität“ wieder stattfinden kann. In den Fanszenen existiert ein sehr feines Gespür, wenn es um die Einschränkung von bürgerlichen Freiheiten und Grundrechten geht. Umso interessanter und emanzipierter ist zum Beispiel der Forderung der Ultras von Chemie zu bewerten, angesichts der Pandemie und der damit verbundenen sozialen Verantwortung den Spielbetrieb auszusetzen – und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Verbände sich noch fest an den Spielbetrieb klammerten.

Aktuell organisiert ein großes und stadtübergreifendes Netzwerk rund um die chemische Fanhilfe Unterstützungsangebote wie Einkauf, Kinderbetreuung und Alltagshilfe für Menschen mit Bedarf. Das ist beeindruckend und freut uns natürlich. Wir brauchen da Dank der guten Selbstorganisation gar nicht viel machen und vermitteln maximal den Kontakt zum Gesundheitsamt oder zu professionellen Selbsthilfeorganisationen.

Welche Wünsche gibt es für die Zukunft?

Definitiv spielt Fußball gerade eine untergeordnete Rolle, und das ist auch gut so. Meine beruflichen Wünsche daher in Worte zu fassen fällt mir angesichts der aktuellen Unübersichtlichkeit schwer. Irgendwann wäre eine Rückkehr zum Fußball mit Zuschauern natürlich schön und wichtig fürs Gemüt. Fankultur wird nach Corona sicher nicht mehr so sein wie zuvor. Im Moment zählt aber definitiv etwas anderes. Spannend empfinde ich die Debatte, die sich aktuell um das „Raumschiff Fußball“ in Zeiten der Pandemie dreht – Stichwort eigene Privilegien, ökonomische Selbstreflektion oder gesellschaftliche Solidarität. Hier haben beispielweise die meisten Ultras gegenüber dem Gros an Fußball-Funktionsträgern einen moralischen Vorsprung, der sich kaum bemessen lässt. Interessant, wer sich am Ende durchsetzt.

Corona Update 2

Heute ist die „Sächsische Corona-Schutz-Verordnung“ in Kraft getreten, die die bisher geltende Allgemeinverfügung zu den Ausgangsbeschränkungen vom 22. März 2020 ablöst und nun erstmal bis zum 20. April gültig ist. Zusätzlich zu den leicht veränderten Ausgangsbeschränkungen hat Sachsen jetzt außerdem einen Bußgeldkatalog erlassen.
Im Bußgeldkatalog ist festgelegt, welche Strafe es für welchen Verstoß gegen die Ausgangsbeschränkung gibt.

Folgende Bußgelder können bei Verstößen gegen die neue Verordnung geltend gemacht werden:

– Verlassen der Wohnung/des Hauses ohne triftigen Grund: 150 €

– Verstoß gegen Besuchsverbot von Krankenhaus oder Pflegeheim: 500 €
(Betrifft die Besucher)

– Besucher in ein Krankenhaus oder Pflegeheim hereinlassen: 500 bis 1000 € (Betrifft die Verantwortlichen)

Außerdem kann die Polizei ab 01. April Verwarnungsgelder in Höhe von bis zu 55 € aussprechen.
Sobald es wieder neue Infos gibt, halten wir euch auf dem Laufenden.

Wir sind außerdem nach wie vor für euch erreichbar! Falls ihr Fragen oder Sorgen habt oder ihr Unterstützung bei einem der neuen Existenzsicherungsprogramme wie beispielsweise den Bundes-Soforthilfen für Soloselbständige, kleine Unternehmen, Freiberufler und Landwirte benötigt, ruft an oder schreibt uns!

Bleibt gesund, informiert euch und passt auf euch und andere auf!