Anfang Juli machte sich eine Gruppe junger Fußballfans aus der Fanszene von Rasenballsport Leipzig gemeinsam mit dem Fanprojekt Leipzig auf den Weg nach Tschechien. Ziel der viertägigen Studienfahrt war die Gedenkstätte Theresienstadt in Terezín. Neben der intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus standen auch gemeinsames Zelten, Wandern und Freizeitaktivitäten auf dem Programm.
Am Freitagmorgen machte sich der erste Teil der Gruppe bereits um 8:30 Uhr auf den knapp vierstündigen Weg nach Tschechien. Nach einer durchaus imposanten Fahrt durch die Böhmische Schweiz und Teile des Zittauer Gebirges kamen wir gegen Mittag am ersten Campingplatz an. Dort mussten wir allerdings feststellen, dass dieser bereits vollständig ausgebucht war. Da eine Vorreservierung nicht möglich gewesen war, suchten wir kurzerhand im benachbarten Ort nach einer Alternative und wurden fündig. Auf einem anderen Campingplatz konnten wir schließlich einen großen Bereich beziehen, auf dem ausreichend Platz für die gesamte Gruppe vorhanden war.
Nachdem Pavillon und Zelte aufgebaut waren, blieb noch Zeit für einen ersten Einkauf und um die Umgebung und den nahe gelegenen See zu erkunden. Gegen 18 Uhr war die gesamte Gruppe angereist und wir ließen den ersten Tag bei einem gemeinsamen Grillabend ausklingen.
Am Abend bereiteten wir uns außerdem gemeinsam auf den Besuch der Gedenkstätte am nächsten Tag vor. Wir sprachen darüber, welche Erfahrungen die Jugendlichen bereits mit Gedenkstättenbesuchen gemacht hatten, und beschäftigten uns mit einigen grundlegenden Informationen zur Geschichte des ehemaligen jüdischen Ghettos Theresienstadt. Den Abschluss des Abends bildete eine große Runde Werwolf mit etwa 20 Personen.
Besuch der Gedenkstätte Theresienstadt
Am nächsten Morgen ging es früh los, damit wir pünktlich um 10 Uhr in der Gedenkstätte sein konnten. Dort wurden wir von unserem Tour- und Tagesbegleiter aus dem Freiwilligendienst der Gedenkstätte Theresienstadt begrüßt.
Zu Beginn des Rundgangs erfuhren wir zunächst etwas über die Entstehung der Stadt Terezín in den 1780er-Jahren als Festungs- und Garnisonsstadt der Habsburger Monarchie. Auf der Stadtmauer konnten wir uns einen Eindruck von den gewaltigen Ausmaßen der Festungsanlage verschaffen. Die doppelten Stadtmauern, der breite Wehrgraben und die erhaltene Struktur der Stadt vermitteln noch heute einen Eindruck von ihrer ursprünglichen Funktion.
Anschließend ging es um die Geschichte Terezíns während des Nationalsozialismus. Wir erkundeten verschiedene Orte innerhalb der Stadt und erfuhren, wie Theresienstadt ab 1941 als Ghetto in das nationalsozialistische Verfolgungs- und Deportationssystem eingebunden wurde.
Dabei wurde auch deutlich, dass Theresienstadt nicht einfach mit einem Konzentrationslager gleichzusetzen ist. Das Ghetto wurde am 24. November 1941 eingerichtet und diente zunächst vor allem als Transitghetto für tschechische Jüdinnen und Juden. Ab 1942 wurden zudem zahlreiche deutsche und österreichische Jüdinnen und Juden nach Theresienstadt deportiert. Von dort wurden die Menschen in großer Zahl weiter in Ghettos, Konzentrationslager und insbesondere in die Vernichtungslager im besetzten Osteuropa deportiert.
Wir erfuhren, wie das Ghetto organisiert und kontrolliert wurde und welche Rolle die jüdische Selbstverwaltung dabei spielen musste. Gleichzeitig wurde deutlich, unter welchen unmenschlichen Bedingungen die Menschen leben mussten. Vor der Einrichtung des Ghettos lebten etwa 7.000 Menschen in Terezín. Im Laufe des Jahres 1942 befanden sich dort zeitweise mehr als 50.000 jüdische Menschen.
Ein weiterer Schwerpunkt war die systematische Täuschung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung. Die Nationalsozialisten stellten Theresienstadt gegenüber bestimmten Gruppen deutscher und österreichischer Jüdinnen und Juden als vermeintlich sicheren Alters- oder Siedlungsort dar. Unter dem Vorwand einer angeblich sicheren Umsiedlung wurden die Menschen dazu gebracht, ihre Wertgegenstände und ihr Vermögen abzugeben.
In den Ausstellungen und Museen konnten wir anschließend einen Eindruck vom Alltag im Ghetto gewinnen. Karge Unterkünfte, überfüllte Schlafsäle sowie Fotografien und Dokumente zeigten die Lebensbedingungen der Gefangenen. Gleichzeitig erfuhren wir mehr über die Geschäfte und Einrichtungen, die innerhalb des Ghettos existierten und von der jüdischen Selbstverwaltung organisiert wurden.
Besonders deutlich wurde dabei die nationalsozialistische Propaganda. Für den Besuch einer Delegation des Internationalen Roten Kreuzes wurde das Ghetto 1944 aufwendig „verschönert“, um nach außen den Eindruck eines scheinbar normalen Lebens zu vermitteln. Anschließend produzierten die Nationalsozialisten sogar einen Propagandafilm über Theresienstadt.
Kunst, Musik und Fußball
Neben Verfolgung, Hunger, Krankheit und Deportationen beschäftigten wir uns auch mit der kulturellen Selbstbehauptung der Gefangenen. Trotz der unmenschlichen Bedingungen entstanden im Ghetto zahlreiche Kunstwerke, literarische Texte und musikalische Arbeiten. Es fanden heimlich Konzerte, Theateraufführungen, Vorträge und Lesungen statt.
Diese kulturellen Aktivitäten waren für viele Menschen eine Möglichkeit, sich ein Stück ihrer eigenen Identität und Menschlichkeit zu bewahren. Ein Teil der entstandenen Kunstwerke dokumentierte zugleich die tatsächlichen Lebensbedingungen im Ghetto.
Nach dem mehrstündigen Rundgang beschäftigten wir uns am Nachmittag in einem Workshop mit den Lebensgeschichten von Wilhelm Waltuch und Benno Nettl. In Kleingruppen zeichneten wir die Biografien der beiden jüdischen Gefangenen und ihrer Familien nach. Dabei suchten wir auch nach konkreten Spuren ihrer Anwesenheit vor Ort, unter anderem nach eingeritzten Schriften in den Sandsteinmauern der Festung.
Diese Auseinandersetzung mit den konkreten Lebensgeschichten machte die Geschichte noch einmal auf eine andere Weise erfahrbar. Hinter den abstrakten Zahlen und dem Begriff „Holocaust“ standen plötzlich einzelne Menschen mit ihren Familien, ihrem Alltag und ihren persönlichen Geschichten. Für viele von uns war dies ein besonders eindringlicher und bewegender Teil des Tages.
Nach insgesamt etwa sieben Stunden in Theresienstadt kehrten wir zum Campingplatz zurück. Den Abend verbrachten wir gemeinsam bei einem Essen in einer nahe gelegenen Gaststätte und anschließend mit weiteren Gesellschaftsspielen.
Wandern im Naturschutzgebiet
Am nächsten Tag frühstückten wir gemeinsam. Aufgrund des regnerischen Wetters entschieden wir uns gegen einen ursprünglich geplanten Ausflug und machten stattdessen eine Wanderung durch ein nahe gelegenes Naturschutzgebiet. Vorbei an verschiedenen Sandsteinformationen waren wir insgesamt etwa sechs Stunden unterwegs.
Am Abend wurde wieder gemeinsam gegrillt und wir nutzten die Zeit, um die vergangenen beiden Tage noch einmal gemeinsam Revue passieren zu lassen. Dabei ging es sowohl um die Eindrücke aus Theresienstadt als auch um die persönlichen Erfahrungen während der Fahrt.
Am Montagmorgen wurde nach dem Frühstück alles zusammengepackt und gegen 11 Uhr die Rückfahrt nach Leipzig angetreten.
Fußball im Ghetto Theresienstadt
Die Auseinandersetzung mit Theresienstadt endete jedoch nicht mit der Rückfahrt. Am 8. und 14. Juli trafen wir uns noch einmal in zwei Gruppen im Fanprojekt, um gemeinsam die Dokumentation „Liga Terezin“ anzuschauen.
Der Film beschäftigt sich mit dem Fußball im Ghetto Theresienstadt und insbesondere mit den Filmaufnahmen, die von den Nationalsozialisten 1944 zu Propagandazwecken produziert wurden. Bereits während unserer Führung hatten wir erfahren, dass im Ghetto Fußball gespielt wurde. Aufgrund der Vielzahl der Themen konnte dieser Aspekt dort allerdings nur am Rande behandelt werden.
Die Dokumentation ermöglichte uns, diesen Teil der Geschichte noch einmal genauer zu betrachten. Dabei wurde deutlich, dass Fußball für die Gefangenen trotz der menschenunwürdigen Bedingungen auch eine Möglichkeit war, dem grausamen Alltag für kurze Zeit zu entkommen. Gleichzeitig nutzten die Nationalsozialisten die Bilder von Fußballspielen für ihre Propaganda und die Täuschung der internationalen Öffentlichkeit.
Durch die gemeinsame Sichtung des Films konnten wir die Erfahrungen aus der Gedenkstätte und dem Workshop noch einmal aufgreifen und vertiefen.
Die Studienfahrt nach Theresienstadt hat uns damit nicht nur einen intensiven Einblick in die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust ermöglicht. Sie hat auch gezeigt, wie wichtig es ist, Geschichte an konkreten Orten und anhand konkreter Biografien erfahrbar zu machen. Die Verbindung zur eigenen Lebenswelt der Jugendlichen – insbesondere über das Thema Fußball – hat dabei einen besonderen Zugang geschaffen.
Auch die gemeinsame Zeit außerhalb der Gedenkstätte war ein wichtiger Bestandteil der Fahrt. Das gemeinsame Zelten, Kochen, Grillen, Wandern und die Gespräche haben die Gruppe zusammengebracht und Raum für Austausch und Reflexion geschaffen.
Für uns als Fanprojekt ist die Fahrt deshalb ein wichtiger Bestandteil unserer sozialpädagogischen und historisch-politischen Bildungsarbeit. Die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wachzuhalten und gemeinsam mit jungen Menschen über die Ursachen und Folgen von Rassismus, Antisemitismus und menschenverachtenden Ideologien ins Gespräch zu kommen, bleibt eine wichtige Aufgabe – auch und gerade im Fußball.
Wir danken der Initiative Weltoffenes Sachsen für die finanzielle Unterstützung dieser Bildungsreise.