Fußball- und Fankultur in Syrien in Zeiten des Krieges – Vortrag von Nadim Rai

Letzten Freitag war Nadim Rai im Fanprojekt Garten zu Gast, um einen spannenden Vortrag über die syrische Fußball- und Fankultur zu halten. Etwa zwanzig junge Fans von RasenBallsport Leipzig lauschten rund neunzig Minuten lang seinen spannenden Ausführungen und Geschichten über das vom Krieg geprägte Land und seine Fußballfans.
Die Erzählung begann im Jahr 2009, als rund um Nadims Heimatort Latakia die ersten ultraaffinen Fangruppierungen entstanden, an denen er selbst beteiligt war. Nadim berichtete zunächst allgemein darüber, welche Vereine und Stadien in der ersten syrischen Fußballliga von Bedeutung sind und welche Fangruppierungen in der Öffentlichkeit und in den Stadien auftreten.
Anschließend schilderte er, wie sich die Situation für die Vereine und ihre Fans während des Bürgerkriegs veränderte. Er berichtete von der Zeit, als die Liga im Jahr 2012 abgebrochen werden musste und in den folgenden Jahren nur mit einer reduzierten Anzahl an Mannschaften und Spielorten durchgeführt werden konnte. Dabei ging es auch darum, wie Stadien zu Flüchtlingslagern oder Hubschrauberlandeplätzen umfunktioniert wurden. Ebenso erzählte Nadim davon, wie Fans in den Bürgerkrieg involviert wurden, selbst als Soldaten eingezogen wurden oder als Rebellen gegen die Regierung kämpften.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den unterschiedlichen religiösen und ethnischen Strömungen, die in Syrien existieren, und darauf, wie sich diese teilweise auch anhand verschiedener Fußballvereine abbilden. Nadim zeigte, wie diese Gruppen während des Krieges miteinander oder gegeneinander kämpften und welche Auswirkungen dies auch auf die Fußball- und Fankultur hatte.
Besonders interessant war, dass trotz des verheerenden Kriegsverlaufs, der massiven Zerstörung und der hohen Opferzahlen relativ schnell wieder Fußball gespielt wurde. Auch die Fans kehrten in teilweise beschädigte oder zwischenzeitlich anderweitig genutzte Stadien zurück. Gleichzeitig wurde auch an die im Krieg verstorbenen Fans erinnert.
Dennoch hat sich die syrische Fan- und Ultrakultur während und nach dem Krieg wieder erholt. Nadim konnte uns beeindruckende Bilder und Videos von syrischen Fans zeigen und Einblicke in Choreografien und Fangesänge geben.
Besonders eindrucksvoll ist auch die persönliche Geschichte von Nadim Rai, da seine Fluchtgeschichte nach Deutschland ebenfalls Teil seines Vortrags war. Er hält weiterhin engen Kontakt zu seinem alten Verein und seiner früheren Fanstruktur. Gleichzeitig hat er sich in Deutschland ein neues Leben aufgebaut und kann seiner Faszination für das Fansein und die Ultrakultur auch hier nachgehen.
Durch seine Leidenschaft für Fußball- und Fankultur konnte er auch in Deutschland schnell Bekanntschaften und Freundschaften mit Menschen schließen, die dieselben Interessen teilen. Durch die Entwicklung dieses Vortrags hat er bereits viele verschiedene Fanszenen und Fanprojekt-Standorte besucht und die Geschichte der syrischen Fankultur zahlreichen jungen Menschen in Deutschland nähergebracht.
Ein bemerkenswerter Satz aus dem Vortrag war: Nadim hat durch seine Leidenschaft für Fankultur wahrscheinlich mehr mit einem deutschen Fußballfan gemeinsam als mit einem syrischen Mathematiker.
Dieser Satz verdeutlicht die universelle Verbindung, die durch ein gemeinsames Interesse entstehen kann und die Menschen über Ländergrenzen und unterschiedliche Herkünfte hinweg miteinander verbindet – unabhängig von Hautfarbe, Sprache, Aussehen, Religion oder ethnischer Zugehörigkeit.
Das ist wohl die eindringlichste Botschaft dieses Besuchs von Nadim Rai: Fußball- und Fankultur kann Menschen miteinander verbinden, selbst wenn ihre Lebensgeschichten, ihre Herkunft und ihre Erfahrungen kaum unterschiedlicher sein könnten.

Herzlichen Dank für die finanzielle Unterstützung der Stadt Leipzig bei der Umsetzung dieser Verastaltung. Die Partnerschaft für Demokratie „Leipzig. Ort der Vielfalt“ wird aus Mitteln des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und des Landes Sachsen finanziert.